Die SEGGAUER Fortbildungstage 2021 konnten im vergangenen Oktober, SARS-Cov-2 konform, in stark verkleinertem Rahmen erfolgreich, ohne Krankheitsfall, über die Bühne gebracht werden. Die 25.SEGGAUER Fortbildungstage, werden dieses Jahr, nach diesem bewährtem Sicherheitskonzept,
vom 08. bis 09. Oktober 2022 abgehalten.
Viele namhafte Vortragende folgten der Einladung zu dieser Jubiläumsveranstaltung.

25 Jahre SEGGAUER Fortbildungstage.
– SEGGAU und Freunde –

Im ersten Vortrag wird uns Univ. Prof. Dr. Stefan Laufer vom Institut für Pharm. Chemie der Universität Tübingen einen Überblick über die Entwicklung der Proteinkinase-Hemmer geben.
Diese Substanzklasse von „Small Molecules“ wurde ab den Siebzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts in vielen Laboratorien stark beforscht. Imatinib war der erste gegen eine Kinase entwickelte Wirkstoff. Es wurde in der EU und den USA schon 2001 gegen chronische myeloische Leukämie erstzugelassen. Glivec® löste, ab 1998 off-label, in der Therapie der CML die nebenwirkungsreichen Regime von Interferon-α, Chemotherapie und Stammzelltransplantation ab. Heute sind etwa 40 Wirkstoffe in Österreich zugelassen. Die meisten, aber nicht alle Kinasehemmer kommen bei Tumoren zum Einsatz.

Univ. Prof. Dr. Theo Dingermann, Seniorprofessor am Institut für Pharmazeutische Biolo­gie an der Goethe-Universität in Frankfurt wird sich mit seinem Vortrag „Gesundes Älterwerden – was steckt in der Anti-Aging Pipeline?“
Mit dem Wandel der wissenschaftlichen Betrachtung der Geriatrie in der Zukunft beschäftigen. In der Geriatrie wird sich die Wissenschaft über Disziplingrenzen hinweg öffnen und neue Sichtweisen fördern. Dadurch werden neue Behandlungsansätze und -methoden möglich. Es wird ein neues integriertes Medizinverständnis entstehen, dass das rasant wachsende wissenschaftliche Forschungswissen mit dem Erfahrungswissen verknüpft. (Abstract)

Abstract

Univ. Prof. Dr. Dieter Steinhilber, Institut für Pharmazeutische Chemie, Biozentrum, Universität Frankfurt spricht im dritten Vortrag am Samstag faktenbasiert über Vitamin D und erläutert was an dem Hype um das Vitamin dran ist.
Die Wissenschaft ist sich über den Nutzen von Vitamin D-Supplementierung nicht ganz einig. So empfahl die Spanische Gesellschaft für Geriatrie und Gerontologie2 im Februar 2021, dass die Behandlung von COVID-19 bei älteren, hospitalisierten Patienten standardmäßig eine Ergänzung der Vitamin D Versorgung einschließen sollte; man erreiche, nach einer Meta-Analyse, eine geringere Sterblichkeitsrate. In dem Papier wird vor den Gefahren einer Vitamin D Überdosierung gewarnt.
Der mögliche Zusammenhang von Vitamin D und Virus-Infektionen ist Gegenstand der Forschung3. Eine schwerwiegende Komplikation von COVID-19 ist das sogenannte akute Lungenversagen, dass durch einen Vitamin-D-Mangel verschlimmert werden kann4. Eine Reihe von klinischen Prüfungen in verschiedenen Ländern untersucht den Nutzen einer Vitamin-D-Gabe zur Prävention und Behandlung von SARS-CoV-2-Infektionen5. In der Steiermark starben 2021 zwei Patienten an hochgradigen Vitamin-D Überdosierungen an Multiorganversagen!

Den letzten Vortrag am Samstag hält Univ. Prof. Dr. Rolf Marschalek, Institut für Biologie, Biozentrum, Universität Frankfurt.
Er wird über alle bis dahin bekannten wissenschaftlichen Erkenntnisse bezüglich SARS-CoV-2 referieren, über die Mutationsfähigkeit des Virus, die Unterschiede der im Handel befindlichen m-RNA-, Vektor- und Tot-Impfstoffe und deren Sicherheitsprofile besprechen.

Am Sonntag knüpft Frau Univ.-Prof. Dr. Eva Roblegg, Department Pharmazeutische Technologie und Biopharmazie, Institut für Pharmazeutische Wissenschaften in Graz an den Vortrag von Prof. Marschalek an, indem sie über die Grundlagen der Transportsysteme der m-RNA Impfungen – Nanocarrier – spricht. Nach einem Exkurs über die Klassifizierung von Nanosystemen werden wichtige Funktionen wie beispielsweise der Schutz vor enzymatischem Abbau instabiler Wirkstoffkandidaten, die Möglichkeit der zielgerichteten und kontrollierten Wirkstofffreisetzung oder die personalisierte Applikation besprochen. Im Anschluss werden wichtige physikochemischen Charakteristika wie Größe, Oberflächeneigenschaften und Matrixzusammensetzung/Morphologie erörtert, da diese neben der kolloidalen Stabilität eine sichere (zelluläre) Aufnahme und folglich die therapeutische Wirkung gewährleisten. Trotz enormer Fortschritte in der Forschung hinken die industriellen Produktionsprozesse hinterher, dürfen aber in Zukunft nicht zum Engpass werden, um mit dem medizinischen Fortschritt Schritt zu halten und die beste medizinische Behandlung für die Patienten zu gewährleisten. Basierend darauf werden skalierbare Herstellungstechnologien und notwendige Prozessüberwachungsstrategien diskutiert, um eine sichere Produktion von Nanomedikamenten zu ermöglichen.

Im zweiten Vortrag am Sonntag spricht Prim. Univ. Prof. Dr. Wolfgang Popp, PDK Wien, in seinem Vortrag „Harm Reduction, was ist das?“
Die Entwicklung erster Maßnahmen von Harm Reduction begann in den 1920ger Jahren, dennoch ist das Prinzip erst in den 80er-Jahren durch die Problematik der HIV-Ausbreitung bekannt geworden. Harm Reduction akzeptiert, dass Menschen sich aktiv für, oder gegen einen Substanzkonsum entscheiden, aber nicht in der Lage sind, den Substanzkonsum einzustellen; räumt aber dem Schutz vor Gesundheitsschäden und der Sicherung des Überlebens Vorrang ein. Sie steht dem Prinzip der „Null Toleranz diametral entgegen. Risiken mindern – Gesundheit fördern ist das Motto in allen Bereichen der Prävention. Es verlangt allerdings auch eine Änderung des Lebensstils um erfolgreich zu sein. Das Prinzip ist auf alle Bereiche des Lebens anwendbar.

Univ. Prof. Dr. Helmut Spreitzer, Department für Pharmazeutische Wissenschaften, Universität Wien spricht als dritter Vortragender über „Small Molecules versus Biologicals – and the Winner is?“ Der Gewinner ist in jedem Fall der Patient. Der Arzneischatz der Zukunft wird bedeutend nebenwirkungsfreier und wirkgezielter im Hinblick auf die personalisierte Medizin werden.

Der Vortrag „Schmerz“ von Univ. Prof. Dr. Eckhard Beubler, Otto-Loewi-Forschungszentrum der Medizinischen Universität Graz schließt die Vortragsveranstaltung ab. Laut einer Studie des Umweltbundesamtes 2014 ist der Verbrauch von Schmerzmitteln in den vergangenen 20 Jahren um 50 Prozent gestiegen. Die Österreicher*innen schlucken 245 Tonnen Schmerzmittel pro Jahr. Der Vortrag befasst sich mit Wirkung, Nebenwirkung und Wechselwirkungen von klassischen rezeptfreien Schmerzmitteln über die verschreibungspflichtigen Analgetika bis zu den Cannabinoiden.

Das war´s
Das Team der SEGGAUER Fortbildungstage und ich verabschieden uns – mit Wehmut – nach 25 Jahren von Ihnen und wünschen Ihnen weiterhin viel Enthusiasmus für diesen wunderschönen Beruf und den Willen zum lebenslangen Lernen.


1) P. Kafarski: Rainbow Code of Biotechnology. CHEMIK. Wroclaw University, 2012. • 2) Tarazona-Santabalbina, F.J. u.a.Vitamin D supplementation for the prevention and treatment of COVID-19: a position statement from the Spanish Society of Geriatrics and Gerontology Revista Española de Geriatría y Gerontología, 2021 • 3) Scientific Advisory Committee on Nutrition: Update of rapid review: Vitamin D and acute respiratory tract infections. • 4) International clinical trials assessing vitamin D in people with COVID-19. ClinicalTrials.gov, US National Library of Medicine. Mai 2020 • 5) Jose Manuel Quesada-Gomez et al.: Vitamin D receptor stimulation to reduce acute respiratory distress syndrome (ARDS) in patients with coronavirus SARS-CoV-2 infections: Revised Ms SBMB 2020_166. In: The Journal of Steroid Biochemistry and Molecular Biology. Band 202, 1. September 2020, S. 105719, doi:10.1016/j.jsbmb.2020.105719


Für die Organisation der SEGGAUER FORTBILDUNGSTAGE
Univ. Doz.. Dr. Hans Wolfgang Schramm
Merangasse 29/7/29
8010 Graz

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